Umgang mit Personen mit psychischen Beeinträchtigungen
Quasi jeder Mensch hat im Laufe seines Lebens mit mehr oder weniger schweren psychischen Belastungen zu kämpfen. Statistisch gesehen erkrankt in Deutschland etwa jeder Dritte im Laufe seines Lebens an einer psychischen Störung. Dennoch werden Menschen mit psychischen Belastungen oder Auffälligkeiten häufig missverstanden, nicht ernst genommen oder sogar stigmatisiert – insbesondere dann, wenn sie sich in akuten Ausnahmesituationen befinden.
Typische Anzeichen psychischer Störungen
Achten Sie besonders auf folgende Verhaltensänderungen:
- Rückzug aus der Gesellschaft
- unangemessene Reaktionen auf Kritik
- Aggressivität
- Anhaltende Traurigkeit
- ungewöhnliche Unruhe
- verändertes Essverhalten
- Vernachlässigung der Körperpflege
- Ungewohnte und unerklärliche Unpünktlichkeit, häufiges Fehlverhalten, Vernachlässigung, oft im Zusammenhang mit der beruflichen Tätigkeit
- deutlich erkennbare Leistungsschwankungen, Konzentrationsprobleme, Fehlerhäufigkeit
Es ist wichtig zu betonen, dass nicht jede Auffälligkeit auf eine psychische Störung hinweist. Oftmals sind es mehrere Merkmale in Kombination, die auf eine Beeinträchtigung hindeuten.
Generell gelten immer folgende Dinge:
- Ihr persönliches Wohlbefinden und Sicherheit haben Vorrang!
- Wir sind keine Therapeuten und können und sollen keine therapeutische Hilfe leisten!
- Verhalten ist oft von der Situation, der Umgebung und der Tagesverfassung abhängig.
- Ihre Aufgabe in solchen Ausnahmesituationen ist es nur deeskalierend einzuwirken.
- Nicht allen Menschen kann geholfen werden!
- Generalisieren Sie nicht und nutzen Sie keine Floskeln wie „Das wird schon wieder“. Nehmen Sie die Notlage der Person ernst.
- Ernst gemeinte Hilfe anbieten, ist besser als sie aufzudrängen.
- Fragen Sie, statt Umstände und Gefühle anzunehmen.
Droht jemand sich oder andere zu verletzen oder wirkt sehr erregt oder gar unkontrolliert, ist es ratsam in akuten oder gefährlichen Situationen, sofort die Polizei anzurufen.
Typische psychische Störungsbilde
Suchtverhalten (z. B. Alkohol, Drogen, Medikamente, Glücksspiel)
Suchtkrankheiten äußern sich durch den oftmals übermäßigen und unkontrollierten Konsum von Rauschmitteln oder Handlungen.
Sucht kann sich in sehr unterschiedlichen Formen äußern. Nicht immer ist der Konsum sofort sichtbar.
Mögliche Anzeichen:
- beeinträchtigte Orientierung oder Gleichgewichtsstörungen
- undeutliche Sprache, verlangsamtes oder enthemmtes Verhalten
- starke Stimmungsschwankungen, z. B. von euphorisch zu aggressiv
- körperliche Unruhe, Zittern oder Schwitzen (Entzugssymptome)
- Gereiztheit oder Panik, wenn kein Suchtmittel verfügbar ist
- verwaschene oder paranoid wirkende Aussagen
Im Gespräch sind Betroffene oft schwer erreichbar oder reagieren abweisend. In akuten Fällen besteht ein erhöhtes Risiko für Impulsausbrüche oder plötzliche Aggression.
Verhaltenshinweis: Verhalten Sie sich ruhig, halten Sie Abstand und vermeiden Sie provozierende Aussagen.
Affektive Störungen (Depression, Manie, bipolare Störung)
Depressionen sind langanhaltende, permanente und/oder wiederkehrende Anfälle großer (oftmals unspezifischer) Traurigkeit und Antriebslosigkeit. Jeder Mensch ist einmal in seinem Leben depressiv verstimmt, aber nicht jeder hat eine Depression.
Manien sind wiederkehrende Zustände maßlosen (und oftmals risikoreichen) Tatendrangs und Selbstüberschätzung.
Bei der bipolaren Störung wechseln sich depressive und manische Phasen ab, teils abrupt.
Mögliche Symptome bei Depression:
- auffallende Müdigkeit oder langsame Reaktion
- sozialer Rückzug, Meiden von Blickkontakt, wenig Sprache
- gedrückte Stimme, vernachlässigte äußere Erscheinung
- Äußerungen von Hoffnungslosigkeit oder Schuld
- in schweren Fällen: Suizidgedanken oder Selbstabwertung
Mögliche Symptome bei Manie:
- auffällig gute Laune oder gereizte Übererregtheit
- Rededrang, ununterbrochenes Sprechen
- übersteigertes Selbstwertgefühl („Ich bin unbesiegbar“)
- schnelles, risikoreiches Verhalten
- kaum Bedürfnis nach Schlaf oder Nahrung
Verhaltenshinweis: Nehmen Sie Äußerungen ernst, vermeiden Sie Widerspruch oder Ironie. Geben Sie Zeit und Raum zur Orientierung.
Angststörungen (Phobien, Panikstörung, generalisierte Angststörung)
Angststörungen äußern sich durch ein übersteigertes Angstempfinden. Oftmals scheinen diese für Außenstehende irrational. Für die betroffene Person, sind sie aber sehr real!
Angst kann sich körperlich und seelisch bemerkbar machen – teils in Situationen, die von außen harmlos wirken.
Mögliche Symptome:
- plötzliches Herzrasen, Kurzatmigkeit, Zittern (Panikattacke)
- extreme Nervosität oder Vermeidung bestimmter Orte oder Personen
- körperliche Symptome wie Schweißausbrüche oder Engegefühl
- übermäßige Sorge, selbst bei alltäglichen Themen
- Hypervigilanz (ständiges Überprüfen der Umgebung)
- Verweigerung von Kontakt oder Fluchtverhalten
Menschen mit Angststörungen sind oft emotional stark angespannt. Druck oder schnelle Bewegungen können Angst verstärken.
Verhaltenshinweis: Bleiben Sie ruhig, vermeiden Sie Nähe oder fordernde Sprache. Bieten Sie einfache, klare Informationen an.
Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)
PTBS kann nach Gewalterfahrungen, Unfällen, Naturkatastrophen oder schweren seelischen Erschütterungen auftreten.
Reaktionen sind meist stark situationsabhängig.
Mögliche Symptome:
- plötzliche Schreckhaftigkeit, Rückzug oder Erstarren
- Flashbacks (Wiedererleben eines Traumas), z. B. durch Geräusche oder Aussagen
- Vermeidung von Blickkontakt, Rückzug in Ecken oder Fluchttendenzen
- Wutausbrüche, wenn Betroffene sich bedroht oder missverstanden fühlen
- Schlafstörungen, Angstzustände, große innere Anspannung
Oft sind die Reaktionen nicht direkt erklärbar, wirken aber intensiv und unkontrollierbar. PTBS kann auch Jahre nach einem Ereignis auftreten.
Verhaltenshinweise: Fordern Sie keine Erklärungen ein. Vermeiden Sie beengende Situationen und ermöglichen Sie Rückzug, wenn möglich.
Schizoide und psychotische Störungen (z. B. Schizophrenie)
Es gibt viele verschiedene Arten schizoider Störungen. Diese Störungen betreffen das Denken, Fühlen und die Wahrnehmung. Die Betroffenen erleben die Welt oft anders als ihre Umgebung. Auffällige, bzw. zurückgezogenes soziales Verhalten ist häufig.
Sie gehört zur Gruppe der Psychosen und tritt meist im jungen Erwachsenenalter zwischen 15 und 35 Jahren auf.
Mögliche Symptome:
- Sprechen mit sich selbst oder „Antworten“ auf unsichtbare Gesprächspartner
- Wahnvorstellungen („Sie wollen mir etwas antun“, „Ich werde verfolgt“)
- Misstrauen gegenüber Polizei, Ämtern oder fremden Personen
- Ungewöhnliche Gedankenverbindungen oder schwer verständliche Aussagen
- Rückzug oder aggressives Verhalten, wenn sich Betroffene bedrängt fühlen
Nur wenige psychotische Personen sind gefährlich – viele haben nur Angst oder fühlen sich bedroht.
Verhaltenshinweis: Akzeptieren Sie die Wahrnehmung der Person, ohne zu widersprechen. Setzen Sie keine körperlichen Impulse ohne Not.
Persönliches Verhalten im Umgang mit psychisch belasteten Personen
- Bleiben Sie ruhig, professionell und aufmerksam
- Zeigen Sie Respekt – auch in schwierigen Situationen
- Beobachten statt interpretieren
- Vermeiden Sie Konfrontation
- Sichern Sie sich selbst ab
- Setzen Sie klare, aber respektvolle Grenzen
Hilfs- und Anlaufstellen
- Sozialpsychiatrischer Dienst. Einschätzung und Betreuung bei psychischen Krisen, ggf. Vermittlung in Kliniken.
- Rettungsdienst (112). Medizinische Notfälle, akute Psychosen, Suizidgefahr.
- Hausarzt bzw. Kinderarzt. Medizinische Notfälle, akute Psychosen, Suizidgefahr.
- Telefonseelsorge (Tel. 0800 111 0 111 / 0800 111 0 222). Rund um die Uhr erreichbar, anonym.
- Nummer gegen Kummer (Tel. 116 111). Richtet sich speziell an Kinder und Jugendliche (auch per Chat möglich).
- Kassenärztliche Vereinigung. Vermittelt Anschriften von Ärzt*innen und Therapeut*innen.
- Nakos. Datenbank zu Selbsthilfegruppen.
