Umgang mit Personen mit psychischen Störungen
Quasi jeder Mensch hat im Laufe seines Lebens mit mehr oder weniger schweren psychischen Belastungen zu kämpfen. Statistisch gesehen erkrankt in Deutschland etwa jeder Dritte im Laufe seines Lebens an einer psychischen Störung. Dennoch werden Menschen mit psychischen Belastungen oder Auffälligkeiten häufig missverstanden, nicht ernst genommen oder sogar stigmatisiert – insbesondere dann, wenn sie sich in akuten Ausnahmesituationen befinden.
In der Fachwelt spricht man heute nicht mehr von „psychischen Krankheiten“, sondern von psychischen Störungen. Gemeint sind dabei ernstzunehmende Beeinträchtigungen im Erleben, Verhalten oder Denken, die das Leben der Betroffenen – und oft auch das ihrer Umgebung – stark beeinflussen.
Menschen mit psychischen Störungen oder in besonderen seelischen Notlagen sind in der Regel hilfsbedürftig, verletzlich und auf Unterstützung angewiesen. Durch ein einfühlsames, professionelles und respektvolles Auftreten können Sie nicht nur deeskalierend wirken, sondern den Betroffenen auch ein Stück Stabilität und Sicherheit geben.
In der Öffentlichkeit wird das Gefahrenpotenzial psychisch beeinträchtigter Personen oft überschätzt – meist aus Unsicherheit oder fehlendem Wissen. Studien zeigen: Die wahrgenommene Bedrohung ist meist größer als die tatsächliche.
Diese Unterweisung hilft Ihnen:
- psychische Auffälligkeiten zu erkennen und einzuordnen,
- eigene Handlungsmöglichkeiten besser abzuschätzen,
- deeskalierend und wertschätzend zu kommunizieren,
- und Ihre eigene Sicherheit sowie die der betroffenen Personen zu wahren.
Sie sind keine Therapeutin oder kein Therapeut – aber Sie können durch Ihr Verhalten entscheidend dazu beitragen, Eskalationen zu vermeiden und betroffenen Menschen in schwierigen Situationen respektvoll zu begegnen.
Psychische Auffälligkeiten erkennen und einordnen
Im Einsatzalltag begegnen Sie Menschen mit unterschiedlichstem Verhalten. Manche wirken verwirrt, andere stark gereizt oder ziehen sich plötzlich zurück. Nicht immer ist sofort klar, ob es sich um eine momentane Reaktion, eine psychische Belastung oder eine behandlungsbedürftige Störung handelt.
Was sind psychische Auffälligkeiten?
Psychisches Verhalten lässt sich grob in drei Bereiche einteilen:
- Psychische Eigenheiten. Individuelle Charakterzüge wie Reizbarkeit oder Rückzugstendenzen, die nicht zwangsläufig behandlungsbedürftig sind.
- Psychische Beeinträchtigungen. Vorübergehende Belastungen, die sich in Unwohlsein, innerer Unruhe oder sozialem Rückzug äußern können.
- Psychische Störungen. Erhebliche Abweichungen im Denken, Fühlen oder Verhalten, die über einen längeren Zeitraum bestehen und einer professionellen Behandlung bedürfen.
Die Unterscheidung der einzelnen Beeinträchtigungen ist nicht einfach. Besonders bei flüchtigen Kontakten nicht. In folgenden Lektionen lernen Sie aber grundlegende Indizien, die für Unterscheidung nützlich sein können.
Typische Anzeichen psychischer Störungen
Achten Sie besonders auf folgende Verhaltensänderungen:
- Sozialverhalten: Rückzug, unangemessene Reaktionen auf Kritik, Aggressivität.
- Weitere Auffälligkeiten: Anhaltende Traurigkeit, ungewöhnliche Unruhe, verändertes Essverhalten, Vernachlässigung der Körperpflege.
Weitere Auffälligkeiten:
- Arbeitsdisziplin: Unpünktlichkeit, häufige Fehlzeiten, Vernachlässigung von Aufgaben.
- Leistungsverhalten: Leistungsschwankungen, Konzentrationsprobleme, Fehlerhäufigkeit.
Es ist wichtig zu betonen, dass nicht jede Auffälligkeit auf eine psychische Störung hinweist. Oftmals sind es mehrere Merkmale in Kombination, die auf eine Beeinträchtigung hindeuten.
Generell gelten immer folgende Dinge:
- Ihr persönliches Wohlbefinden und Sicherheit haben Vorrang!
- Sie sind kein*e Therapeut*in und können und sollen keine therapeutische Hilfe leisten!
- Nicht allen Menschen kann geholfen werden!
- Generalisieren Sie nicht und nutzen Sie keine Floskeln wie „Das wird schon wieder“. Nehmen Sie die Notlage der Person ernst.
- Ernst gemeinte Hilfe anbieten, ist besser als sie aufzudrängen.
- Fragen Sie, statt Umstände und Gefühle anzunehmen. Gehen Sie immer von sich aus.
Droht jemand sich oder andere zu verletzen oder wirkt sehr erregt oder gar unkontrolliert, ist es ratsam den sozialpsychiatrischen Dienst hinzuzuziehen. In akuten oder gefährlichen Situationen, rufen Sie bitte sofort die Polizei.
Typische psychische Störungsbilder
- Suchtverhalten (z. B. Alkohol, Drogen, Medikamente, Glücksspiel)
- Affektive Störungen (Depression, Manie, bipolare Störung)
- Angststörungen (Phobien, Panikstörung, generalisierte Angststörung)
- Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)
- Schizoide und psychotische Störungen (z. B. Schizophrenie)
Zusammenfassung
- Symptome können auftreten, müssen aber nicht.
- Verhalten ist oft von der Situation, der Umgebung und der Tagesverfassung abhängig.
- Bleiben Sie ruhig, professionell und aufmerksam. In den allermeisten Fällen sind Menschen mit psychischer Störung harmlos.
- Ihre Aufgabe ist nicht die Diagnose, sondern eine deeskalierende, klare Reaktion.
Persönliches Verhalten im Umgang mit psychisch belasteten Personen
- Bleiben Sie ruhig und kontrolliert
- Zeigen Sie Respekt – auch in schwierigen Situationen
- Beobachten statt interpretieren
- Vermeiden Sie Konfrontation
- Sichern Sie sich selbst ab
- Setzen Sie klare, aber respektvolle Grenzen
Hilfs- und Anlaufstellen
- Sozialpsychiatrischer Dienst. Einschätzung und Betreuung bei psychischen Krisen, ggf. Vermittlung in Kliniken.
- Rettungsdienst (112). Medizinische Notfälle, akute Psychosen, Suizidgefahr.
- Hausarzt bzw. Kinderarzt. Medizinische Notfälle, akute Psychosen, Suizidgefahr.
- Telefonseelsorge (Tel. 0800 111 0 111 / 0800 111 0 222). Rund um die Uhr erreichbar, anonym.
- Nummer gegen Kummer (Tel. 116 111). Richtet sich speziell an Kinder und Jugendliche (auch per Chat möglich).
- Kassenärztliche Vereinigung. Vermittelt Anschriften von Ärzt*innen und Therapeut*innen.
- Nakos. Datenbank zu Selbsthilfegruppen.
